Life Letter No. 28

Loslassen - wie geht das?

Was will ich nicht alles loslassen?

Meine erwachsenen Kinder, meine Eltern, meinen Nacken, meine alten Pläne. Am besten alles loslassen.

Aber wie geht das, loslassen?

Ich habe meine Hand zu einer Faust geschlossen, und ich öffne diese Faust. Muskelanspannung, Muskelentspannung. Geht ganz leicht. Ist das Loslassen? Ist ja gar nichts drin, in der Faust.

Ein Versuch. Ich hänge in einem dunklen Fahrstuhlschacht. Es ist stockfinster, keinerlei Licht, nirgends. Ich halte mich so fest ich kann. Wer weiß, wie weit es da runter geht? Ich halte und halte mich an einer Stange fest, so lange, bis ich nicht mehr kann. Ich falle. Aber fast gleichzeitig komme ich auf dem Boden auf. Eine Tür öffnet sich, Licht fällt herein, und ich sehe, das waren nur ein paar Zentimeter, die ich gefallen bin. Ich hatte sicheren Boden dicht unter meinen Füßen. Ich habe es nur nicht sehen können.

Ist das Loslassen?

Ich hab es ja nicht freiwillig getan. Ich konnte mich nicht länger festhalten. Hätte ich denn den Mut gehabt, freiwillig loszulassen im Fahrtstuhlschacht? Nur, wenn die die Gewissheit gehabt hätte, dass da wirklich Boden unter meinen Füßen ist, ein paar Zentimeter entfernt. Gewissheit, Vertrauen, Zuversicht. Dass da was kommt, das mich hält. Oder jemand, der mich nicht fallen lässt.

Wie soll ich loslassen, wenn ich dieses Vertrauen nicht habe?

Eben. Und deshalb halte ich fest. Weil ich Angst habe vor der Leere. Der Leere unter mir und um mich herum. Weil ich glaube, dass diese Leere unermesslich ist. So habe ich es als Kind erfahren. Nichts, an dem ich mich festhalten kann. Niemand, der mich hält. Ich bin allein. Das ist der entscheidende Satz, der alles verändert.

Ich bin allein.

Für ein Kind ist das fast das Todesurteil. Ich bin allein. Aber das Kind hat gelernt zu kämpfen, zu überleben. Heute bin ich kein Kind mehr, ich bin erwachsen, und das heißt, ich bin angekommen, auf dem Boden der Tatsachen. Ich bin allein. Heißt, ich bin allein und für mich da. Ich habe Boden unter den Füßen. Weiß, was ich kann. Und was nicht. Mit dieser Gewissheit in mir kann ich jetzt loslassen. Wenn ich allein bin, bin auch auch von niemandem abhängig. Sondern ich entscheide. Ich bin für mich verantwortlich. Es ist mein Leben. Wenn ich das spüre, dann muss ich nichts mehr loslassen. Dann löst sich das, was ich loslassen will, von selbst. Loslassen ist kein Tun, es geschieht von ganz allein. Wenn Ich Ich bin. Wenn ich weiß, was zu mir gehört, und was nicht. Wie ich das herausfinden kann? Durch springen.

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Life Letter No. 27