Life Letter No. 29
Wohin im Leben?
Wohin im Leben? Hoch? Aufsteigen? On top sein? Auf dem Gipfel, dem Siegertreppchen, im Organigramm? Welche Ziele habe ich? Welche brauche ich?
Ich suche mir einen Marathon, muss schon was Schweres sein. Ich trainiere dafür, ich laufe ihn, ich schaffe ihn. Und dann? Bin ich glücklich? Ich denke mir, ich muss nur eine Ziellinie überqueren, dann fängt das Leben richtig an. Wenn ich das Haus abbezahlt habe. Wenn ich Abteilungsleiter bin. Wenn die Kinder aus dem Haus sind. Immer setzen wir uns Ziele, oft unbewusst. Und wenn wir sie erreichen? Was passiert dann? Für viele ist der Zieldurchlauf direkt der Startschuss für den nächsten Marathon. Atemlos von Ziel zu Ziel.
Ich habe kürzlich einen Text von Albert Camus gefunden, dem großen Schriftsteller, Philosophen und Existentialisten. Zum Glücklichsein gehöre, stand darin, frei von Ambitionen zu sein. Was heißt das? Nehmen wir Sisyphos, den griechischen Helden, der als Strafe der Götter lebenslang einen Fels den Berg hinaufwälzen muss. Von Sisyphos sagt Camus, dass wir ihn uns als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen. Sein Ziel ist nicht, diesen verfluchten Felsen endlich ein für alle Mal oben auf dem Berg los zu werden. Seine Aufgabe ist es, sein Schicksal anzunehmen. Frei zu sein, in dem, was er tut. Tun muss. Klingt absurd, aber so ist unser Leben, sagt Camus, absurd. Frei das zu tun, was wir ohnehin tun müssen und dabei jeden Moment im Hier und Jetzt genießen. Das ist Glück.
Ziele können Antrieb sein und Orientierung und Hoffnung geben. Ziele können aber auch verhindern, dass ich das Leben, das ich in der Gegenwart führe, sehen und spüren kann. Denn schon im nächsten Moment kann mein Leben zu Ende sein. Klingt zu pessimistisch? Albert Camus starb am 4. Januar 1960 mit 46 Jahren bei einem Autounfall. Das Glück ist in mir, und zwar in jedem Moment, den ich lebe. Wenn ich es spüre, bin ich glücklich. Es ist ganz leicht. Das ist das Schwierige daran.
