Life Letter No. 33
Ich war ein Reh
Ich war ein Reh. Auch meine Mutter war schon ein Reh gewesen. Ein Bambi. Süß, harmlos, willenlos. Ich war, wie meine Eltern mich wollten, unterwürfig und angepasst. Ich versuchte, alles richtig zu machen. Richtig war, was sie wollten. Meine Mutter hatte das bei ihrer Mutter, ihrer Stiefmutter, auch so gemacht. In der Hoffnung, dadurch weniger Schläge abzubekommen. Bei meiner Mutter hatte das nicht geklappt. Bei mir dagegen schon. Ich bekam keine Schläge. Ich war brav. Und so süß.
In der Psychologie ist diese bambimäßige Unterwerfung eines Kindes ein bekanntes Phänomen. „Fawn“ nennt sich diese Strategie. Die anderen Mechanismen, mit einer als traumatisch erlebten Kindheit umzugehen, sind fight (Kampf), flight (Flucht) und freeze (Erstarrung). Da Kampf und Flucht für Kinder allein aufgrund ihres Alters oft keine Optionen sind, bleibt meist nur völlige Erstarrung oder eben scheue Unterwürfigkeit.
In späteren Jahren, als Erwachsene, haben die „Bambis“ dann häufig das Problem, dass sie nicht wissen, was sie wollen. Was sie brauchen. Sie kennen ihre Bedürfnisse nicht, können nicht Nein sagen, können keine Grenzen setzen. Woher auch? Ihnen fehlt Selbstachtung und Selbstliebe. Hauptsache, die anderen sind glücklich, glauben sie, denn sie zählen ja nicht.
Eine Familienaufstellung kann ein erster Schritt sein, sich solcher Anfänge bewusst zu werden. Realisieren, was war. Sich seiner Vergangenheit zu öffnen, ist der erste Schritt. Dann kommen noch viele weitere. Aber ein Anfang ist gemacht.
