Life Letter No. 34

Der Mensch dahinter

Neulich kam mir in der Stadt eine Frau entgegen, die ein T-Shirt mit dem Aufdruck Glück trug. Alles an ihr, ihr Gesicht, ihre Körperhaltung, ihr Gang zeigten mir, die arme Frau, sie ist ganz unglücklich. Vielleicht wäre mir das ohne ihr T-Shirt gar nicht aufgefallen.

Ein anderes Beispiel. Noch mehr T-Shirts, alle mit einem Herz drauf und der Aufschrift: Ich liebe meinen Körper. Hab ich in einem Buch gesehen. Lieben wirklich alle, die dieses T-Shirt tragen, ihren Körper?, frage ich mich.

Und wenn das gar nicht stimmt, was da überall draufsteht? Da wird gar keine Wirklichkeit, sondern ein Wunsch beschrieben. Ich möchte meinen Körper lieben. Ich möchte glücklich sein. Die Wahrheit, die dahintersteht, ist möglicherweise einfach zu lang.

Ich hab mein Leben lang dagegen gekämpft, dass ich zu dick bin, hab tausend Diäten gemacht, aber nie dauerhaft abgenommen, und jetzt mag ich nicht mehr, nehme mich so, wie ich bin und versuche einfach, mich schön zu finden. Das ist viel Text für ein T-Shirt, das wahrscheinlich Falten wirft. Wer soll das lesen?

Ich habe zwei Ehen durchgemacht, zwei Männer, die mich kontrolliert, ausgenutzt, schließlich weggeworfen haben und jetzt versuche ich, mir noch ein wenig Würde zu bewahren. Wie hätte ich das in der Fußgängerzone im Vorbeigehen lesen sollen? Das geht mit Glück besser.

Wir sollten, finde ich, uns nicht ablenken lassen von den Messages, die uns ständig begegnen. Besser auf die Menschen hinter ihrer Botschaft achten. Ihnen mit Wohlwollen begegnen. Je mehr Wohlwollen wir im Vorbeigehen verteilen, desto mehr schenken wir auch uns.  Zu Hause angekommen, empfinden wir dann vielleicht das Glück, uns zu lieben.

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Life Letter No. 33