Life Letter No. 36

Müsste ich Klavier spielen können?

 Warum nur hatte ich dieses Lied auf einmal im Ohr? „Man müsste Klavier spielen können, wer Klavier spielt hat Glück bei den Frauen“. Was will mir dieser uralte Schlager von vorvorgestern sagen? Drei Dinge, glaube ich. Erstens, der da singt, der kann nicht Klavier spielen. Zweitens, er hat kein Glück bei den Frauen. Drittens, und das ist sein Kern, er bringt beides zusammen, indem er indirekt behauptet, wenn ich Klavier spielen könnte, dann hätte ich auch Glück bei den Frauen. Als wäre das ein Gesetz. Oder das 11. Gebot. Vermutlich kennt er einen Klavierspieler, bei dem es geklappt hat mit den Frauen. Und unser Mann denkt nun, das liegt nur am Klavierspiel. Kann aber auch an der Frisur gelegen haben, am Bankkonto oder am flotten Zweisitzer.

Warum suche ich mir das Klavierspiel raus als die Hürde, über die ich nicht drüber komme? Heutzutage wäre das vielleicht, ja, wenn ich nur einen Marathon gefinisht hätte! Warum solche Hürden? Will ich enttäuscht werden von den Frauen? Oder will ich sie klein machen dadurch, dass ich ihnen zutraue, sie ließen sich mit jedem dahergelaufenen Klavierspieler oder Marathon-Finisher ein?

Ich schätze mal, in Deutschland gibt es etwa 30 Millionen Männer, die nicht Klavier spielen können. Und genau deshalb sind die alle Singles? Quatsch, sagt uns die Lebenserfahrung. Es gibt vermutlich andere Gründe für Frauenlosigkeit. Männer, die Aufschneider, Modellbahnbauer oder Alkoholiker sind, haben aller Wahrscheinlichkeit nach genau deshalb keine Chance. Und nicht, weil sie nicht Klavier spielen oder nicht über sonstige Ziellinien laufen können. Aber so sind Glaubenssätze. Geformt aus Bequemlichkeit, gemacht für die Ewigkeit. Wie Schlager.

Der Vorteil von Glaubenssätzen gegenüber Frauen ist, sie bestätigen mich und mein Nichtstun. Ich kann bleiben, wie ich bin, muss mich nicht ändern. Ich muss nichts machen, außer so zu tun, als hätte ich gewonnen.

Übrigens, wer nicht das Klavierspiel, sondern sich selbst kennen lernen möchte, für den sind Familienaufstellungen genau das richtige. Da lernt man, alten Glaubenssätzen die Luft rauszulassen.

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Life Letter No. 35