Life Letter No. 35

Die Mauer des Ich muss

Frei sein wie ein Vogel, das ist unser Traum. Aber, ist ein Vogel überhaupt frei? Nein, er ist unablässig unterwegs, flieht oder sucht sich ein Weibchen, fliegt von Ast zu Ast, um Baumaterial für das Nest zu sammeln, sind die Kinder dann da, muss ein Wurm nach dem anderen in die hungrigen Schnäbel gestopft werden. Mit anderen Worten, der Vogel ist auch nur ein Mensch und ständig am Machen und Tun. Weder Freizeit noch Freiheit. Und wenn er dann abends auf dem Ast sitzt und vor sich hin singt?  Grenzt er sein Revier ab gegen Konkurrenten. Ein Vogel ist immer im Dienst.

Beim Menschen ist es ähnlich. Sein Leben wird zusammengehalten vom Ich muss . Ich muss einen sagenhaften Schulabschluss schaffen, mich hochklassig bewerben, um einen gutbezahlten Job zu bekommen, um wer zu sein, um einen attraktiven Partner zu finden, um tolle Kinder zu haben, um mitzuspielen im Spiel des Lebens. Hausbau, Scheidung, Wiederverheiratung, Altersheim. So sieht im Zeitraffer unser Leben aus. Zugegeben, es gibt da ein paar Variationen. Aber das Ich muss ist immer dabei. Und Freiheit? Unter der Erde wäre Zeit, aber dann ist es endgültig zu spät.

Das Ich muss bildet eine Mauer in unserem Leben. Wir gehen immer seitwärts, an der Mauer entlang, weil ein Ich muss das nächste nach sich zieht. Gleichzeitig suggeriert uns die Mauer, dass etwas dahinter ist. Die Freiheit. Wir sehen sie nicht, wir ahnen sie nur. Aber wie kommen wir da hin?

Manchmal gibt es kleine Lücken in der Mauer, nur ein Spalt. Ein Termin wird abgesagt. Jetzt wäre Raum da, Raum für Freiheit. In Gedanken dem Vogel nachfliegen. Beobachten, wie sich das Licht verändert und die Zeit sich in Luft auflöst. Stattdessen: Ich muss Besorgungen machen. Weihnachten ist nicht mehr so weit. Da wäre sie gewesen, die Lücke im Ich muss. Beim nächsten Mal?

Freiheit ist, diesen Spalt im Kontinuum des Alltags zu sehen und zu begreifen, Freiheit kann ich mir nicht aufsparen, Freiheit ist jetzt. Ich halte ihr einen Platz frei. Freiheit ist, wenn ich es schaffe, mein Leben für einen Moment anzuhalten. Wenn ich meinen Herzschlag spüre und keine Angst habe vor der Leere. Freiheit ist, wenn ich nur mir gehöre. Bevor mich der Fluss des Lebens wieder mit sich führt.

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Life Letter No. 34